Es ist der 7. Dezember 2009. Rund 27.000 Menschen versammeln sich im Bella Center, Skandinaviens größtem Veranstaltungszentrum. Was sich anhört wie der Auftritt einer internationalen Popband, ist tatsächlich eine der bis heute größten UN-Klimakonferenzen. Genauer: Die 15. Konferenz der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen. Im Rahmen dieser Konferenz versprachen die Industrieländer, bis zum Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar zur Klimafinanzierung bereitzustellen.

Doch was bedeutet Klimafinanzierung eigentlich?

Gemäß der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen bedeutet Klimafinanzierung die Finanzierung von Maßnahmen zur Vermeidung und Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen sowie von Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen der globalen Erwärmung. Und der Finanzbedarf für solche Maßnahmen ist riesig. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen liegt der Bedarf an Klimafinanzierung bis zum Jahr 2050 bei jährlich bis zu 500 Milliarden US-Dollar. Jedoch unter dem Vorbehalt, dass die Weltgemeinschaft die globale Erwärmung auf maximal 2 Grad Celsius begrenzen kann.

Bei den zuvor genannten Summen wird deutlich, dass Klimafinanzierung nicht von einer einzigen Organisation oder nur von bestimmten Ländern gestemmt werden kann. Es braucht unterschiedliche Finanzierungsquellen – Gelder privater und öffentlicher Investoren.

CDM und Voluntary Carbon Market

Da gibt es zunächst die Zusagen der Länder – dazu gehört auch die oben genannte 100 Milliarden US-Dollar-Zusage. Eine weitere, wichtige Rolle spielen diverse internationale Fonds, darunter Fonds der Weltbank, der African Development Bank, der Vereinten Nationen, und einiger Organisationen mehr.

Eine weitere, zentrale Geldquelle ist der „Clean Development Mechanism“. Dabei handelt es sich um einen von drei vom Kyoto-Protokoll vorgesehenen Mechanismen zur Vermeidung und Reduktion von Emissionen mit Hilfe des Handels mit CO2-Zertifikaten. Dabei werden in Entwicklungsländern Maßnahmen zur Emissionsminderung umgesetzt, die von Industriestaaten finanziert werden. Dies geschieht mit Hilfe von CO2-Zertifikaten – oder wie es im CDM heißt: Emissions-Reduktionsgutschriften, sogenannte CERs. Daraus hat sich über die Jahre ein großer, freiwilliger Zertifikate-Markt entwickelt, der sogenannte „Voluntary Carbon Market“, auf dem Unternehmen Zertifikate von Projekten in Entwicklungsländern zur Reduktion oder Vermeidung von CO2 kaufen können, um damit ihre eigenen Emissionen zu kompensieren.

Im Grundsatz ist der Volunatary Carbon Market ein sinnvolles Instrument zur Klimafinanzierung, da damit Geld in Projekte investiert wird, die ohne dieses Marktinstrument niemals eine Finanzierung bekommen hätten.

Damit hilft der Handel mit Zertifikaten bei der Schließung der Finanzierungslücke der Klimafinanzierung. Und die ist nicht grade klein. Zwischen den Jahren 2013 und 2020 wurde das 100 Milliarden-Ziel jedes Jahr verfehlt. Im Jahr 2013 standen so zum Beispiel rund 52,4 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, im Jahr 2020 fehlten immer noch 17 Milliarden US-Dollar.

Dabei gilt es zu bedenken, dass im Jahr 2020 rund 70% der Finanzmittel über Kredite bereitgestellt wurden – also von den ärmeren Ländern zurückgezahlt werden müssen. Gerecht ist das nicht. Denn damit werden die am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder auch noch gezwungen Schulden zu machen, um Krisen zu bewältigen.

Auch deshalb ist es eine gute Idee, das private Investoren aus reichen Industrieländern zusätzlich Geld in Projekte in Entwicklungsländern investieren – zum Beispiel über CO2-Zertifikate.

Das schmutzige Geschäft mit Zertifikaten

Doch so schön, wie es klingt, ist das leider nicht. Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Und dieser Schatten legt sich zwischenzeitlich über den kompletten Voluntary Carbon Market – ausgelöst durch zahlreiche Betrugsfälle, die die Glaubwürdigkeit dieses Marktes sehr in Frage stellen. So wurden über die Jahre unter anderem Millionen Zertifikate für Projekte verkauft, die keinen zusätzlichen Nutzen für unser Klima aufweisen. Die Zeitungen The Guardian und DIE ZEIT hatten darüber Anfang dieses Jahres eine große Artikelserie veröffentlicht. Darin ging es um Zertifikate, die ausgegeben wurden, um bestehende Wälder zu schützen. Angeblich sind diese Wälder bedroht. Nach Recherchen der beiden Medien ergab sich jedoch, dass 90% der ausgegebenen Zertifikate nutzlos waren, da die geschützten Gebiete ohnehin durch andere Maßnahmen geschützt werden und keine Gefahr einer Abholzung besteht. Das Ergebnis: Eindeutiges Greenwashing, da Unternehmen durch den Kauf dieser Zertifikate Emissionen kompensiert haben und sich damit als „klimaneutral“ bezeichnet haben. Übrigens ein weiteres Problem beim Handel mit CO2-Zertifkaten. So bezeichnet sich ein bekannter Ölkonzern zum Beispiel als klimaneutral. Kunden können an den Zapfsäulen klimaneutral tanken. Das ist kompletter Unsinn. Man kann nicht auf der einen Seite fossile Brennstoffe fördern und auf der anderen Seite glauben, man könnte dies durch CO2-Zertifikate neutralisieren.

Avoidance, Reduction, Removal – drei Zertifikate-Typen – unterschiedlicher Mehrwert fürs Klima

Eine weitere Herausforderung des Voluntary Carbon Markets ist es, dass derzeit rund 90% der ausgegebenen Zertifkate dazu beitragen, CO2 zu vermeiden oder zu reduzieren. Was mag daran schlimm sein, mögen Sie sich nun fragen. Kurz gesagt: Wie messen Sie den konkreten Mehrwert fürs Klima bei einem Projekt, das moderne Kochöfen zur Reduzierung von CO2 für Entwicklungsländer ausgibt? Wer misst das? Wie und wo wird das erfasst? Ebenso sind sowohl die Zusätzlichkeit, als auch der konkrete Klimawert von z.B. einem neu errichteten Staudamm oder einem Windrad schwer zu messen. Wer sagt, dass das Windrad nicht ohnehin errichtet worden wäre? Wer misst, wie viel CO2 dadurch eingespart wird? Es bräuchte ja mindestens ein Kohlekraftwerk oder eine andere fossile Energiequelle, die stattdessen nachweislich nicht gebaut wird. Besser wäre, man würde ausschließlich in Removal-Projekte investieren. Also Klimaschutz-Projekte, die eindeutig nachweisen können, dass sie CO2 aus der Atmosphäre entnommen haben. Zum Beispiel durch Aufforstung oder durch technologische CO2-Entfernung wie Direct Air Capture (DAC).

Haben diese Zertifikate dann überhaupt eine gute und hilfreiche Seite für das Klima?

Ja, haben sie. Wenn man es richtig angeht und sowohl bei der Entwicklung der Klimaschutz-Projekte als auch beim Kauf von Zertifikaten einige grundlegende Prinzipien berücksichtigt. Ich will nur einmal drei der wichtigsten Prinzipien davon nennen: Zusätzlichkeit, Messbarkeit und Permanenz.

  • Zusätzlichkeit
    Zusätzlichkeit bedeutet, dass die Klimaschutzmaßnahmen mit Mitteln aus den freiwilligen Kohlenstoffmärkten finanziert werden. Mit anderen Worten: Man kann keine negativen Emissionswerte für einen Solarpark verkaufen, der ohnehin gebaut worden wäre.
  • Messbarkeit
    Die Menge an CO2, die der Atmosphäre entzogen wird, muss gemessen werden, um eine Aussage darüber treffen zu können, wie hoch der tatsächliche Mehrwert für unser Klima ist. Bei den meisten Projekten wird die Leistung leider (noch) nicht permanent gemessen.
  • Permanenz oder besser: Dauerhaftigkeit
    Die Dauerhaftigkeit beschreibt die Zeit, in der CO2 in einem Klimaschutzprojekt gebunden wird. Viele Klimaschutzprojekte achten nicht auf eine dauerhafte Speicherung der Treibhausgase.

Wer es besser machen will, berücksichtigt den dynamischen CO2-Wert

Eines noch zum Thema Messbarkeit: Leider ist derzeit allen Klimaschutzprojekten gemein, dass der CO2-Wert nicht dynamisch erfasst wird, sondern statisch bleibt. Was meine ich damit: Grade bei naturbasierten Projekten wie z.B. der Aufforstung unterliegt der natürliche CO2-Speicher Schwankungen. Es entstehen neue Senken und an anderer Stelle stirbt Biomasse ab, CO2 entweicht. Ein CO2-Zertifikat ist jedoch immer eine Tonne CO2 wert. Unabhängig davon, wie der tatsächliche Speicherwert hinter dem Zertifikat zum jeweiligen Zeitpunkt ist. Wen näher interessiert, wie ein Zertifikat aussehen könnte, dass den dynamischen Wert berücksichtigt, kann sich einmal mit dem Konzept der „carbon shares“ unseres Startups recarb auseinandersetzen.

Das Potenzial der Volunatary Carbon Markets für die Klimafinanzierung

Richtig umgesetzt, haben die freiwilligen Kohlenstoffmärkte durchaus ein sehr großes Potenzial fürs Klima. Die Marktkapitalisierung lag 2021 bereits bei 2 Milliarden US-Dollar. Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass der Markt bis in die 30er Jahre auf mehr als 50 Milliarden wachsen könnte. Stellen wir uns nun vor, dies wären dann ausschließlich Zertifikate zur messbaren CO2-Entfernung aus der Atmosphäre. Dann würde dieser Markt sein volles Potenzial entfalten und könnte nicht nur zur Klimafinanzierung beitragen, sondern würde auch noch einen wesentlichen Teil zur Erreichung des vom Weltklimarat IPCC ausgegebenen Ziels der CO2-Entfernung im Gigatonnen-Bereich beitragen. Denn der IPCC hat in seinem 6. Sachstandsbericht klar gemacht: Alleine durch Reduktion von Emissionen, schaffen wir es nicht mehr unter 2 Grad zu bleiben.

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