Der Gebäudesektor produziert laut dem Umweltbundesamt 38 % der globalen CO₂-Emissionen. Bei diesen Zahlen steht derzeit lediglich die Betrachtung des Betriebes eines Bauwerkes im Fokus. Es fehlt gänzlich die Berücksichtigung der Treibhausemissionen durch die Gewinnung von Primärrohstoffen für die Produktion notwendiger Baumaterialien bei Neubau und Sanierung. Ebenso unberücksichtigt bleiben die Kosten der Stoff- und Materialströme beim Rückbau. Trotz massiv schwindender Ressourcen gelangt heute nur ein kleiner Teil der im Bau eingesetzten Rohstoffe wieder in den Produktionsprozess.

Über 230 Tonnen Material landet jährlich auf Schutthalden und Deponien.

So gehen nicht nur kostbare planetare Sekundärressourcen verloren, sondern es setzt zunehmend ein Platzproblem ein. Das sind große Herausforderungen für die Baubranche – aktuell und in Zukunft. Theoretisch müsste man also die verbauten Materialien konsequent wiederverwenden und so Abfallmengen und CO₂-Ausstoß minimieren.

  • Wie aber können Bauteile und -materialien wiederverwendet werden?
  • Welche Prozesse, Methoden und Normen sind hierfür nötig? Wie kann eine umfassende Ressourcenwende gelingen?
  • Welche liebgewonnenen Entscheidungsroutinen gilt es in kommunalen Zusammenhängen bei Ausschreibungen und Vergaben zu modifizieren?

Diesen Fragen widmet sich der Kreis Lippe gemeinsam mit seinen interdisziplinären Projektpartnern im Modellvorhaben RE-BUILD-OWL. Ziel ist es, eine Transformation zum zirkulären Bauen in der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) aktiv zu gestalten. Das zweijährige Projekt startete im Oktober 2021.

Paradigmenwechsel in der Kommune

Spätestens seit der Veröffentlichung „Grenzen des Wachstums“ 1972 vom Club of Rome wird deutlich, dass eine wachsende Weltbevölkerung, der weltweite Wunsch nach mehr Wohlstand und damit verbunden ein stetig wachsendes Konsumverhalten in keiner Weise vereinbar sind mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten.

Die Überschreitung unserer planetaren Grenzen verursacht die zu lösenden Probleme in den Bereichen Klimawandel, Verlust der Biodiversität und dem Erhalt natürlicher Landflächen – unser Planet braucht neue Konzepte.

In verschiedenen Arbeitskreisen setzt sich das Konsortium Lippe zirkulär intensiv mit Themenfeldern rund um die zirkuläre Wertschöpfung auseinander: Ob es um die Umsetzung von nachhaltigen Gewerbegebieten, erste zirkuläre Spielmodule auf Freiflächen oder den aktiven Start in einen Materialkataster-Prozess für die kreiseigenen Liegenschaften geht – viele Projekte und Kooperationen sind auf den Weg gebracht. Das Modellvorhaben RE-BUILD-OWL widmet es sich dabei ganz konkret dem zirkulären Bauen im kommunalen Kontext. Es ist gefördert vom Bundesbauministerium im Rahmen von „Region gestalten – Heimat 2.0“, einer Initiative vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

RE-BUILD-OWL gestaltet die Bauwende in OWL aktiv mit und nutzt die Chancen der Transformation der kommunalen Bau- und Sanierungstätigkeiten für die Region gemeinsam mit seinen assoziierten Partnern CirQuality OWL, Energie Impuls e.V., Madaster GmbH, DIN e.V. Berlin, der Handwerkskammer zu OWL und dem Innovation Campus Lemgo. Der Kreis Lippe mit der Geschäftsstelle Lippe Zirkulär und dem technischen Gebäudemanagement (TGM) sowie dem Wissenschaftsladen Bonn e.V. (WILA) und dem Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) der Hochschule Trier entwickelt partizipativ eine kommunale Innovations- und Transferplattform sowie eine praxisnahe Roadmap „Zirkuläres Bauen OWL“.

Vom Konzept zur Praxis – wenn Ungewohntes selbstverständlich wird

Zirkuläres Bauen geht hier über die Wiederverwendung von Materialien und Bauteilen für das Gebäude selbst hinaus:

  • Muss ein Gebäude neu gebaut werden?
  • Wie können Gebäude kreislauffähig genutzt und geplant werden?
  • Welche innovativen und digitalisierten Prozesse und Produkte kommen hierbei zum Einsatz?

Gebäude müssen also adaptiver und wiederverwendbarer werden und auf den Baustellen ist es notwendig nachhaltig zu arbeiten und Materialien intelligent zu entwickeln und zu nutzen. Zum zirkulären Bauen gehört die Ressourcenwende dazu.

Der Wiedereinsatz von Materialien spielt neben der Frage, wie diese neu gedacht, produziert und innovativ eingesetzt werden, eine zentrale Rolle. Das Bestandsgebäude wird zur Ressource.

Der deutsche Gebäudebestand umfasst nahezu 52 Milliarden Tonnen verbautes Material. Das sind gigantische Materialbanken, die nicht länger als Abfall gesehen werden dürfen. Zirkuläre Wertschöpfung macht verbaute Rohstoffe zu Ressourcenpools für Sekundärrohstoffe. Kommunen können durch einen konsequent neuen Umgang mit ihren Liegenschaften und Gebäuden zukunftsfähige Wertschöpfungspotenziale steigern. Das erfordert die Schaffung und Akzeptanz neuer Entscheidungsroutinen und Planungsprozesse.

Neben der Analyse der Stoffströme der gebauten Umwelt im Kreis Lippe bildet die Untersuchung dreier kommunaler Modellgebäude hinsichtlich ihrer zirkulären Eignung einen weiteren Schwerpunkt. So entstehen Kenntnisse, die auf andere (Bestands-)Gebäude übertragen werden können.

Um neue Entscheidungsprozesse zu etablieren, entwickelt RE-BUILD-OWL partizipativ die praxisnahe Roadmap „Zirkuläres Bauen OWL“ in Form von intensiven Fach- und Strategiedialogen sowie die Arbeit in Fokusgruppen Die Ansatzpunkte für zirkuläres Bauen in der Praxis sind vielfältig: Von der Umnutzung oder Umbau des Bestands, über Sanierungsoptionen bis hin zum Rückbau und Neubau sind Vorplanung und Entwurf, Bemusterung sowie Ausschreibung und Vergabe die zentralen Hebel.

Wissensmanagement als zukunftsweisender Schritt

Als Modellvorhaben im Bereich Digitalisierungskompetenz für kommunales Handeln, ist das zentrale Ziel von RE-BUILD-OWL, einen digitalen Anlaufpunkt für zirkuläres Bauen in der Region OWL zu schaffen: eine zielgruppengerechte und anwenderfreundliche Transfer- und Innovationsplattform. Alle Ergebnisse, Strategien und Potenziale werden in einem Zukunftsatlas zusammengeführt und allen Interessierten Akteur:innen kostenfrei und open source zur Verfügung gestellt.

Die Transformation der Baubranche zum zirkulären Bauen kann nur gelingen, wenn Erfahrung, Expertise und Engagement in der Region zusammenfließen.

Hierfür ist der Umgang mit dem neu erarbeiteten Wissen eine wichtige Komponente. An dieser Stelle ist es wichtig, auf die Wirkkräftigkeit von Plattformen hinzuweisen. In den Niederlanden hat der sogenannte „Green Deal“ verschiedene Ministerien angestoßen.

Die lokale Ebene, wie ein Landkreis, kann hier konstruktiv Prozesse auf den Weg bringen und grünes Wachstum aus der eigenen kommunaler Tätigung darstellen. Akteur:innen aus der Baubranche und andere Interessierte sind eingeladen, selbständig zu erkennen welche Herausforderungen, Lösungen oder Möglichkeiten in den ihren Zusammenhängen zirkuläre Wirtschaft verhindern oder fördern können.

RE-BUILD-OWL wird ebenfalls hilfreiche Maßnahmen in der geplanten Roadmap formulieren und die verschiedenen Betrachtungsebenen hinsichtlich Lebenszyklusbetrachtung sowie eine Einbeziehung lokaler und regionaler Akteur:innen transparent zugänglich machen. Für die Baubranche könnte es eine Herausforderung sein, neben der Betrachtung von Lebenszyklen auch Funktionseinheiten mit einzubeziehen. Bei einer solchen Betrachtung steht nicht länger ein Optimierungspotenzial im Mittelpunkt, sondern der Nutzen für den:die Endverbraucher:in und die Schonung der endlichen Ressourcen unseres Planeten.

Exkurs: Circular Economy (CE)

Circular Economy ist in Deutschland ein Begriff, der oftmals mit „Kreislaufwirtschaft“ übersetzt wird. Dabei ist CE aber kein Recycling-Konzept, dass sich nur auf die Abfallwirtschaft bezieht. Daher ist das Bemühen seit einigen Jahren sehr zielführend, sich von dieser begrifflichen Konnotation zu trennen und Klarheit in der Definition von CE zu schaffen. Heute hat sich in der Übersetzung der Begriff der „zirkulären Wertschöpfung“ mehr und mehr durchgesetzt. Diesen Begriff legen auch die Autorinnen zugrunde.

Um den Ansatz einer Circular Economy (CE) zu verstehen, braucht es einen kleinen Blick in die grundsätzliche Denkweise. Cradle to Cradle (C2C) unterscheidet zwischen biologischen und technologischen Kreisläufen. Die biosphärischen (Verbrauch-)Produkte sollten aus Rohstoffen hergestellt sein, die beim Wiedereinbringen in die Umwelt keinen Schaden anrichten. In der sogenannten Technosphäre zirkulieren Gebrauchsprodukte aus synthetischen oder mineralischen Primärressourcen. Hier ist es vor dem Hintergrund endlicher Ressourcen nun die Vorstellung, die einmal entnommenen kostbaren Primärrohstoffe so lange wie möglich oder wieder und wieder in einen produktiven Kreislauf zu bringen. Also weg vom Prinzip „kaufen-nutzen-wegschmeißen“. Die Denk- und Handlungskonzepte hin zur Transformation zu einer CE erfordert weitreichende Veränderung und benötigt radikale Innovationen. Neue Geschäftsmodelle und Produktentwicklungen bilden hier die Basis. Gleichzeitig liegen hier aber auch die vielfältigen Herausforderungen.

Exkurs: Konsortium Lippe zirkulär

Bereits 2014 beauftragt der Kreis Lippe eine Studie, die untersucht, inwieweit die lippische Gebietskulisse geeignet ist für zirkuläre Wertschöpfungsprozesse. Das Ergebnis zeigt, dass gute Voraussetzungen für einen solchen Transformationsprozess in Lippe vorliegen. 2018/2019 formiert sich ein breites Bündnis von mittlerweile mehr als 40 Akteuren und Institutionen aus Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung sowie kommunaler Politik und Verwaltung. Dieses in Deutschland einzigartige Konsortium stößt neue und interdisziplinäre Projekte und Kooperationen rund um eine Circular Economy (CE) an. Mit der Geschäftsstelle Lippe zirkulär als Impulsgeber, Initiator und Koordinationsstelle baut der Kreis sein Engagement im Bereich zirkulärer Prozesse systematisch aus und formuliert diesen politischen Willen im Rahmen seines Zukunftskonzeptes Lippe 2030.

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