Die Beziehung zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist wechselseitig und mannigfaltig. Digitale Technik kann vor allem dazu dienen, eine nachhaltigere Art des Lebens und Arbeitens zu entwickeln und sein persönliches Engagement für mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen, verursacht aber auf dem Weg dorthin auch leider selbst einen negativen ökologischen Fußabdruck. Zugleich ist es bisher nicht wirklich klar, welche gesellschaftliche Gruppe oder welcher Akteur dafür verantwortlich ist, dass die Digitalisierung vor allem im positiven ihr Potenzial entfalten kann, während gleichzeitig die negativen Auswirkungen minimiert werden. All dies spiegelt sich auch in diesem Jahr eindeutig in den Zahlen des von uns unterstützten D21 Digital Index wider. 

Die Zahlen des D21 Digital Index

  • 4 von 5 Befragten sind der Meinung, dass die Politik bisher nicht ihrer Pflicht nachkommt, dafür Sorge zu tragen, dass die Digitalisierung keine negativen ökologischen Auswirkungen hat 
  • 1 von 2 Befragten gibt an, selbst kein Wissen darüber zu haben, welche digitale Anwendung in seinem Lebensbereich welche ökologische Folgewirkung hat

Diese Zahlen verwundern etwas, da es ja vor allem die Unternehmen sind, deren Produkte einen negativen Einfluss auf die Umwelt (oder eben auch einen positiven Einfluss) haben und die die Konsumierenden ja über die Auswirkungen ihrer Produkte – ähnlich wie bei den Tabakkonzernen – eigentlich aufklären sollten. Sollten dann nicht auch eher die Unternehmen eigenverantwortlich in der Pflicht stehen, durch Maßnahmen wie der Beförderung der Kreislaufwirtschaft in der eigenen Produktplanung für die Nachhaltigkeit der eigenen Produkte zu sorgen? Und in der Tat zeigt das relativ gleichverteilte Antwortbild auf die Frage, wer diese sogenannte doppelte Transformation denn am besten befördern kann, die Unsicherheit der Menschen. Die Befragten sind sich relativ uneinig darin, ob es die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft und der oder die Nutzer:In selbst sind, die den Wandel vorantreiben können. So nutzen beispielsweise auch nur 2 von 10 Befragten entsprechende Apps, um gebrauchte Artikel in der näheren Umgebung zu erwerben. 

Wird die Fokus von der Verantwortung für die Nutzung der Digitalisierung jedoch weg von der Nachhaltigkeit und hin zur Klimakrise verändert, so nimmt die Bedeutung der Wissenschaft zu, während die einem selbst zugeschriebene Rolle unerklärlicherweise weiter sinkt. Wird damit vielleicht die Hoffnung auf eine Art „Wundertechnik“ zur Vermeidung der Klimakrise zum Ausdruck gebracht und der individuelle Handlungshebel bewusst oder unbewusst klein geredet? Denn: 4 von 10 Befragten meinen, dass die Klimakrise nur mit dem massiven Einsatz digitaler Technologie bewältigt werden kann.Insgesamt stehen die Befragten der Wissenschaft von allen gesellschaftlichen Gruppen am wenigsten skeptisch gegenüber; die Lücke zwischen Handlungshebel und tatsächlicher Umsetzung wird dort als am geringsten betrachtet, während Politik am stärksten in der Bringschuld steht. Die Ergebnisse der Befragung unterscheiden sich an dieser Stelle je nach eigener Generationszugehörigkeit nur marginal. Spannend zu beobachten ist aber, dass ausgerechnet die jüngere Generation die Lücke zwischen Handlungsmacht und tatsächlicher Handlung generell als weniger groß erachtet.  

Die genauere Analyse der theoretisch vorhandenen individuellen Handlungsmöglichkeiten und der tatsächlichen Umsetzung ergibt, dass insgesamt von einer Überforderung der Befragten hinsichtlich der Zusammenhänge von digitaler und nachhaltiger Transformation gesprochen werden kann. Nur jeweils eine Minderheit kennt sich in den Anwendungsbereichen der Digitalisierung für mehr nachhaltiges eigenes Handeln aus und setzt diese Kenntnisse um. Dies ist angesichts der multiplen Beziehung zwischen Soft- und Hardware auf der einen und der Umwelt auf der anderen Seite auch nicht weiter verwunderlich. Selbst (oder vielleicht gerade) die digital affinen Gruppen beklagen ein Informationsdefizit bezüglich dieser Zusammenhänge bei sich selbst. Daher verwundert es auch nicht, wenn über fast alle Generationen hinweg gefordert wird, mehr Transparenz hinsichtlich der eigenen Wirkungsmacht und der Folgen des eigenen Handelns für die Umwelt zu erhalten. Gleich danach folgt dann die Priorisierung eines Gaming-Ansatzes zur Erreichung eines nachhaltigen Verhaltens. Dies gilt umso eher, desto jünger die Befragten sind. Zugleich muss aber kritisch hinterfragt werden, ob dies bei Vorliegen von mehr Transparenz denn wirklich umgesetzt würde. Denn: Nur 7% befürworten die eigentlich notwendige Einpreisung der CO2-Kosten in den Preis des digitalen Endgeräts.

Die Ergebnisse zeichnen in Summe ein durchwachsenes Bild. Das Bewusstsein für die Handlungsnotwendigkeit, nachhaltigere Produkte und Dienste zu nutzen, ist in der Breite auf jeden Fall gegeben. Die Zuschreibung der Wirkungsmacht und deren tatsächliche Umsetzung erfolgt aber weniger eindeutig. Proxy-Indikatoren wie die Frage nach der CO2-Bepreisung und der Hinweis auf die Rolle einer noch nicht existenten Technik zur Bekämpfung der Klimakrise sollten uns kritisch hinterfragen lassen, welche gesellschaftliche Gruppe am Ende tatsächlich welche Rolle spielen wird oder kann. 

Weitere Informationen der Initiative D21

Weitere Daten zur doppelten Transformation und weiteren gesellschaftlichen Themen, die mit der Digitalisierung im Zusammenhang stehen, gibt es hier auf der Studienseite der Initiative D21.

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