Ein neuer Themenschwerpunkt ergänzt den Digital Index

Der D21 Digital Index bildet seit Jahren in regelmäßigen Abständen den Stand der Digitalisierung in unserem Alltag und bei der Arbeit ab. Ursprünglich von der Initiative D21 ins Leben gerufen, haben sich in den letzten Jahren viele bekannte Unternehmen und auch wir als Bertelsmann Stiftung (seit inzwischen mehr als 5 Jahren) der Erarbeitung dieser Publikation angeschlossen. Wir selbst haben uns in den letzten 5 Jahren vor allem mit dem Thema „Digitalisierung der Arbeit“ im Index beschäftigt. Dieses Jahr wollen wir nun ein neues Kapitel aufschlagen. Unter Federführung von D21 und mit Unterstützung des Wuppertal Institutes wurde ein neues umfangreiches Kapitel eröffnet: Digitale Nachhaltigkeit.

Digitale Nachhaltigkeit ist zudem ein neues Schwerpunktthema in unserer eigenen Projektarbeit, bei der es in den nächsten Jahren darum gehen wird, (digitale) Mechanismen zu untersuchen, die auf der betrieblichen Ebene zu einer nachhaltigen Transformation führen.

Wir haben die für den Index komplett neuen Fragen in einer Arbeitsgruppe intensiv diskutiert und in die Befragung eingefügt. Selbstkritisch angemerkt sei vorab, dass uns nach Durchführung der Umfrage klar geworden ist, dass einige Fragen eher suboptimal formuliert worden sind. Zudem fehlt bei einigen Antworten eine klare Richtung der Einschätzung der Befragten. Wir möchten dies entschuldigen und werden diese Selbstkritik nutzen, um den Fragebogen dann im nächsten Durchgang weiter zu verbessern.

Grundsätzlich machen die Ergebnisse aber deutlich, dass wir in den anstehenden Jahren der nachhaltigen Transformation mehr über (individuelle?) Verantwortlichkeiten und das Potenzial der Digitalisierung zur Erreichung von mehr Nachhaltigkeit forschen und reden müssen.

Kernergebnisse

  • Die Wechselwirkung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit wird von den Befragten als sehr diffus und nicht eindeutig wahrgenommen. Es ist keine klare Einschätzung erkennbar, ob die Digitalisierung derzeit und absehbar zu mehr Nachhaltigkeit oder eher zu mehr Umweltverbrauch führt. Beide Richtungen der Kausalität sind für die Befragten denkbar. Damit spiegeln sie den Stand der wissenschaftlichen Debatte wider, die sich selbst darüber noch nicht im Klaren ist, da das Forschungsfeld noch relativ jung ist (verwiesen sei bei dieser Gelegenheit an die wichtigen Arbeiten des Umweltbundesamtes in dieser Frage).
  • Über die Risiken der Digitalisierung für die Nachhaltigkeit besteht ein klareres Bild bei den Befragten als bei den Chancen. Dies verwundert nicht weiter, sind doch die Probleme beispielsweise des zunehmenden Elektroschrotts, des Energiehungers, der seltenen Erden und der Reboundeffekte, die in zunehmenden Konsum münden, aus der medialen Darstellung allseits bekannt. Hierbei ist uns aufgefallen, dass infolge der noch jungen Forschung auch die Gefahr besteht, dass unvollständige Analysen der Wirkung der Digitalisierung (Beispiel: Mehr oder weniger CO2-Emissionen im Online-Handel gegenüber dem stationären Einzelhandel) zu einer negativen Vorfestlegung führen können.

  • Die Chancen der Digitalisierung sind hingegen deutlich unbestimmter und werden insgesamt weniger häufig genannt. So sind zwar hohe Zustimmungsraten zu „Effizienzsteigerung“, „Automatisierung“, „erneuerbare Energien“ oder „Optimierung des Verkehrs“ sichtbar. Was aber jeweils genau damit verbunden ist, dürfte eher im Ungenauen verbleiben. Es fehlt aus unserer Sicht eine bildliche und prägnante Beschreibung der Chancen innerhalb der medialen Debatte. So verwundert es auch nicht, dass die Effizienzsteigerung mit 44% Zustimmung weniger Unterstützung erhält als die drei erstgenannten Risiken, die auf 49% bis 59% kommen.

  • Die Chancen der Digitalisierung werden von der sogenannten Generation Y (26-40 Jahre) als einzige von allen Generationen höher gewichtet als die Risiken. Dies ist nicht ohne Relevanz, da sich gerade diese Generation beruflich aufmacht, in der Arbeits- und Geschäftswelt die nächste Entscheidergeneration zu stellen. Diese Perspektive gibt also Anlass zur Hoffnung, dass wir in den anstehenden schwierigen Jahren der Bewältigung des Klimawandels eine Aufbruchsstimmung erreichen können.

  • Bei der Frage, wer am ehesten für eine nachhaltige Transformation „verantwortlich“ ist, ergibt sich erneut ein diffuses Bild, das eber eben mit mangelnder historischer Erfahrung mit einer solchen Transformation verbunden sein könnte. Wissenschaftler Forschung wird zu 33%, individuellen Handlungen zu 21%, Politik zu 20% und der Wirtschaft zu 18% Verantwortung für eine Nutzung der Digitalisierung zur Erreichung einer nachhaltigen Lebens- und Produktionsweise zugewiesen. Vielleicht spiegelt aber diese relativ gleiche Zuschreibung von Verantwortlichkeiten auch einfach die Tatsache wider, dass es sich hierbei um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt. Etwas skeptisch stimmen muss eventuell der relativ höchste Anteil, der hier von Seiten der Befragten der Wissenschaft zugeordnet wird. Skeptisch natürlich nicht mit Blick auf die Rolle der Wissenschaft, wohl aber mit Blick auf die „Retterrolle“, die hiermit verbunden ist. Andere Studien haben dies auch die „Fortschrittsillusion“ bezeichnet, die die Hoffnung transportiert, dass das eigene Verhalten nicht verändert werden muss, sondern eine Art „Wundertechnik“ die Umweltprobleme einfach von allein lösen wird.
  • Der Verweis auf die Verantwortung der Wissenschaft und die geringere eigene Verantwortung verstärkt sich ausgerechnet mit steigendem Einkommen und steigender Bildung. Umso höher das Haushaltseinkommen und die eigene Bildung, desto weniger sind die Befragten bereit, den Nachhaltigkeitsaspekt in ihrem digitalen Nutzungsverhalten zu berücksichtigen.
  • Das abschließende Unterkapitel, dass sich mit dem Stand des konkreten Wissens über Nachhaltigkeitsaspekte der Digitalisierung befasste, offenbart nochmals, wie ausbaufähig dieses Wissen insgesamt ist (auch die Mitglieder unserer Arbeitsgruppe konnten nicht alle Fragen korrekt beantworten). Dieses Wissen ist aber elementar wichtig, wenn es darum geht, eigenverantwortlich nachhaltige Konsumentscheidungen zu treffen. Hier wird von den Befragten erwartet, dass Unternehmen sich auch in ihrer Werbung und in der Produktwerbung mehr um die Darstellung der Nachhaltigkeit ihrer Produkte kümmern. Jeder zweite Befragte bemängelt, dass diese Informationen beim Einkauf im Internet nicht dargestellt werden (Es wäre spannend abzufragen, ob dies im stationären Einzelhandel besser dargestellt wird. Zweifel sind angebracht.)

Die erste Durchführung der Umfrage des Digital Index zum Themenkomplex Digitale Nachhaltigkeit verdeutlicht, dass mehr Forschung notwendig ist, dass Chancen mehr herausgearbeitet und kommuniziert werden müssen, dass die nachhaltige Transformation als Aufgabe aller Beteiligten gesehen werden muss und dass Grundlagenwissen jenseits des vereinfachenden Narrativs der CO2-Emisionen von Streaming-Plattformen geschaffen werden muss.

Und unser eigenes Learning? Wir haben abgefragt, ob den Befragten klar ist, dass eine Stunde Streaming so viel CO2 verursacht wie ein Kilometer Autofahrt. Wir hätten umgekehrt fragen müssen: Wussten sie, dass sie, statt einen Kilometer dem Auto zu fahren, auch eine einstündige Videokonferenz zur Schaffung einer nachhaltigeren (Unternehmens-) Politik durchführen können? Aber bezüglich der Überarbeitung der Fragebögen gilt wie immer: Nach dem Index ist vor dem Index.

 

Zur Studie geht es hier entlang.

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